tim glaser
Moon Hunters (2016)

Moon Hunters (2016)

„WHAT IS MOST IMPORTANT IN THIS LIFE – HAPPINESS OR PURPOSE?“

Nicht unbedingt die erste Frage, die man erwartet in einem Computerspiel zu beantworten, insbesondere dann nicht, wenn man auch nach ihrer Beantwortung nicht absehen kann, was die Folgen der Wahl sind. Moon Hunters stellt das Verhältnis von Fragen, Suchen und Erforschen in den Mittelpunkt und erschafft eine Spielwelt, die sich durch kleine und größere Entscheidungen weiter entwickelt, verändert und lebendig wird. In Moon Hunters jagt man den Mond, nicht sinnbildlich, sondern ganz real. Den der Mond – Ursprung für spirituelle und magische Energie der Stämme – erscheint in der Nacht des Mondfestes nicht und so machen sich die Held_innen auf die Suche nach der Mondgöttin …

Das Fest des Mondes – leider nur ohne Mond.
Das Fest des Mondes – leider nur ohne Mond.

Moon Hunters wird in zwei Tagen – am 10ten Februar – auf Steam, Gog, sowie auf Playstation 4 und Vita (nur Singleplayer) erscheinen. Entwickelt und vertrieben wird es von dem kanadischen Entwicklerteam Kitfox Games, die dafür im Vorfeld auf Kickstarter das fast vierfach der gewünschten 45k $ einsammeln konnten. In einem IGN Video wurde Moon Hunters als „Zelda meets Diablo“ umschrieben und auch auf der eigene Homepage zum Spiel wird davon gesprochen, dass das Spiel von Legend of Zelda inspiriert wurde. Diese Beschreibung vermitteln zwar einen guten ersten Einblick – immerhin handelt es sich auch um ein Top Down Action RPG Spiel mit Coop Modus – aber dies ist nur eine Seite der Medaille. Wichtiger als die RPG Elemente oder Hack and Slay, ist die Welt und die darin verborgenen Mythen, Sagen und Wesen, so nennen die Entwickler ihr Spiel selbst liebevoll „personality test RPG“.

Die Okkultistin ist auch etwas überfordert vom Nachthimmel und den sich bietenden Möglichkeiten.
Die Okkultistin ist auch etwas überfordert vom Nachthimmel und den sich bietenden Möglichkeiten.

Anstatt eine große epische Geschichte linear zu erzählen, wie man es von den meisten Rollenspielen her kennt, erlebt man hier mit verschiedenen Figuren unterschiedliche Variationen einer Geschichte oder eines Nexus an Geschichten. Jede Entdeckung eines Durchgangs kann dabei die Spielwelt ein wenig verändert. Nicht nur werden Charaktere frei gespielt, sondern auch neue Umgebungen, Figuren, Rezepte oder Fähigkeiten ergänzen Moon Hunters und machen es immer komplexer. Die neu freigespielten Optionen werden durch Sternbilder versinnbildlicht, die man sich im Startmenü durch drücken von Tab anzeigen lassen kann. So konnte ich nach einem Duell mit einer magischen Kreatur mit meinem nächsten Helden Kontakt zu den Geistern aufnehmen. Auch Sümpfe, Häfen oder andere Gebiete kommen erst langsam zur Welt hinzu. Die Spielwelt selbst, welche als Karte dargestellt wird und auf der man von Ort zu Ort reisen kann, als auch die einzelnen Levels werden zufällig generiert. Diese Elemente (Randomisierung und Anstieg der Komplexität und Möglichkeit) erinnern eher an Rogue like Games und fügen sich perfekt in das eher minimalistische und leicht zu erlernenden Kampfsystem ein. Da ein Spieldurchlauf nicht lange dauert, kann man sowohl immer wieder neu überrascht werden, als auch schnell mit Mitspielenden ins Abenteuer stürzen.

Die zufallsgeneriert Weltkarte – noch drei Tage bleiben, um dem Verschwinden der Mondgöttin auf die Spur zu kommen.
Die zufallsgeneriert Weltkarte – noch drei Tage bleiben, um dem Verschwinden der Mondgöttin auf die Spur zu kommen.

Zu Beginn kann man zwischen vier verschiedenen Figuren wählen, zwei weitere lassen sich freispielen, und zwei Clans, wobei auch hier noch zwei hinzukommen. Jede Klasse verfügt über verschiedene Werte und Aktionen – dazu gehört ein normaler Angriff und zwei Fähigkeiten, die Ausdauer kosten. Beispielsweise lassen sich kleine schwarze Löcher erzeugen, ein Meteor fliegt vom Himmel, man verwandelt sich in Tiere oder nutzt Blutmagie. Die Wahl der passenden Klasse entscheidet teilweise mit, wie schwer sich das Spiel anfühlt, da insbesondere Fernkämpfer es am Anfang leichter haben. Generell sind die Kämpfe, wenn man vorsichtig genug umgeht, jedoch allgemein nicht schwer. Schwierigkeit scheint auch nicht das Hauptaugenmerk von Moon Hunters zu sein, denn auch wenn man viel kämpfen wird, so steht das Erforschen und sich überraschen lassen klar im Mittelpunkt.

Mein Druide ist einfach nicht rachsüchtig genug für dieses Spiel …
Mein Druide ist einfach nicht rachsüchtig genug für dieses Spiel …

Neben der Wahl von Charakter und Herkunft sind es vor allem die kleinen Entscheidungen und Gespräche, die beeinflussen, welchen Effekt man auf die Welt hat. Dazu gehören insbesondere die Persönlichkeitseigenschaften, wie rachsüchtig oder charmant, von denen man maximal gleichzeitig drei besitzen kann. Diese entscheiden, ob bestimmte Aktionen möglich sind oder wie Gespräche verlaufen. Eine tolle Idee, aber auch mit Schwächen behaftet. Oft ist es unklar, welche Aktionen zu neuen Entdeckungen führen oder welche Persönlichkeitseigenschaft gerade hilfreich wären und wie man sie erhalten kann. So erlebt man oft, dass man die gerade relevante Eigenschaft nicht besitzt um möglicherweise etwas Neues zu entdecken oder kurz vor einer neuen Umgebung der Endkampf wartet. Dies führt dazu, dass es lange dauern kann, bis man die richtige Kombination aus Eigenschaft und zufälliger Welt findet. Gleiches gilt auch teilweise für die vielen möglichen Rezepte. Es ist spannend viel probieren zu dürfen und Fehlschläge sind der kurzen Spieldauer wegen nicht schlimm, aber die Vielzahl an Möglichkeiten verwirrt häufig und das kann leider schnell in Beliebigkeit umschlagen – vielleicht ist das ein guter Moment sich neben dem Spiel Notizen zu machen.

Fähigkeiten – Werte – Persönlichkeitseigenschaft. Gerade ist die Okkultistin stolz, clever und vernünftig, keine schlechte Kombination.
Fähigkeiten – Werte – Persönlichkeitseigenschaft. Gerade ist die Okkultistin stolz, clever und vernünftig, keine schlechte Kombination.

Mit Opalen – die Währung der Spielwelt – lassen sich die drei Fähigkeiten jedes Helden und jeder Heldin verbessern, damit werden sie deutlich stärker im Kampf und so lohnt es sich vor allem zu Beginn alle Opale zu sammeln, die es gibt (Krieg den Kakteen und Krügen). Darüber hinaus besteht die Möglichkeit eines von vielen Tieren zur Begleitung zu erhalten, welches Seite an Seite mitkämpft oder Boni gibt. Meine Schlange beispielsweise teilte teilweise mehr Schaden aus als mein Druide. Neben dem Kauf von Fähigkeiten bei Händlern verstärkt man seine Figur durch Entscheidungen oder Erfahrung in den Levels und dadurch, dass man zum Ende eines jeden Levels bei Lagerfeuer kochen, meditieren, jagen, schlafen oder das Camp beschützen kann. Dabei handelt es sich um eine sehr atmosphärische und dem Spiel passende Weise die Werte der Heldenfigur zu leveln.

Meine Schlange attackiert Löwen, die durch mein Ranken verlangsamt wurden – Teamplay gewinnt.
Meine Schlange attackiert Löwen, die durch mein Ranken verlangsamt wurden – Teamplay gewinnt.

Das Setting ist im Bereich Fantasy zu verorten, wobei stark auf Mystik, Folklore und Natur Bezug genommen wird, dies passt ideal zum gesamten Spielverlauf, da man in späteren Playthroughs beispielsweise Statuen von früheren Avataren betrachten kann oder ihre Geschichten hört. Dies macht die Welt lebendig und abwechslungsreich ohne sie zu überladen. Graphisch überzeugt das Spiel ebenfalls durch gekonnten Minimalismus: die einzelnen Levels sind in klassischem 8-Bit-Style gehalten und teilweise wunderschön atmosphärisch, insbesondere durch die Lichteffekte und verwendeten Farbpaletten. Zwischensequenzen und Gespräche erinnern wiederum visuell an Aquarelle und verhelfen den Figuren zu mehr Lebendigkeit. Auch der Soundtrack ist stimmungsvoll und passt sich den verschiedenen Landschaften an.

Teilweise unbefriedigend bleibt am Ende (neben teilweise fehlender Übersicht) vor allem das Kampfsystem. Dies liegt zum einen daran, dass einzelne Charaktere deutlich schwächer erscheinen (wobei das sicherlich auch mit Vorlieben zusammenhängt) und allgemein wenig Variationen in den Fähigkeiten herrschen. Im Coop-Modus wird dies teilweise wieder ausgeglichen. Darüber hinaus verhalten sich die Gegner teilweise beinahe lachhaft tolpatschig. So bleiben sie beispielsweise regelmäßig an Objekten wie Sträuchern hängen und man kann sie bequem aus der Distanz töten. Gegner die sich vielleicht zurückziehen oder von verschiedenen Seiten angreifen hätten das Spiel deutlich spannender gestaltet. Dies wird auch noch erschwert dadurch, dass die meisten Feinde nicht sonderlich spannend designt wurden.

Kurz vor Schluss noch ein kleiner Spoiler – für alle, die sich selbst überraschen lassen wollen, einfach diesen Absatz überspringen – zum Ende des Spieles. Wie oben erwähnt dauert das Durchspielen selbst nicht lange und endet mit der Konfrontation des tyrannischen, latent wahnsinnig wirkenden Sonnenkönigs in Stein-Mecha-Rüstung. Jedoch gelang es mir in meinem x-ten Versuch den König mit meinem Druiden von der Sinnlosigkeit des Krieges zu überzeugen und stattdessen der Liebe eine Chance zu geben – dies endete in einer romantischen Bootsfahrt bei Sonnenuntergang und vielleicht noch mehr … Das überrascht nicht nur, sondern verweist auch darauf, dass es noch viel mehr kleine und große Möglichkeiten gibt, die es zu entdecken gilt.

#neverstoploving
#neverstoploving

Was noch offen bleibt, ist die Frage nach der Langzeitmotivation. Bisher motiviert mich vor allem die Möglichkeit Neues zu entdecken und so vertiefe ich mich gerne erneut in die gleiche und gleichzeitig ungleiche Geschichte, immer auf der Suche nach der nächsten Veränderung, dem Sternbild mehr oder vielleicht doch endlich zu erlernen, wie man mit Tieren spricht. Wenn ich einmal alles entdeckt habe, bleibt dann noch der Coop, aber das bloße Kämpfen motiviert als Gameplay Mechanik vermutlich nicht auf Dauer – womöglich wird Kitfox Games zum späteren Zeitpunkt noch mehr Inhalte veröffentlichen.

Bei Moon Hunters handelt es sich um ein faszinierendes, gleichzeitig minimalistisches und dennoch weitläufiges Spiel, das sich sehr gut auf seine eigenen Stärken konzentriert und zum gemeinsamen Spielen einlädt – empfehlenswert für alle, die gerne mystische Geschichten entdecken, kleine schöne Momente genießen und zwischendurch Horden von Wildschweinen töten möchten.

 

Herzlichen Dank an KitFox Games für die Bereitstellung von drei Review Kopien des Spieles.

/////   Moon Hunters – Gesamtwertung: 8 / 10   /////

+

  • atmosphärische Musik und Graphik
  • unterhaltsamer (lokaler und online) Coop-Modus
  • angenehm zunehmende Komplexitätskurve
  • motiviert zum oftmaligen Durchspielen

  • Kämpfe teilweise zu leicht (KI schwächelt)
  • stellenweise Unübersichtlich mit Hang zur Beliebigkeit